Als es noch die kleinen, muffeligen Naturkostläden gab, wo bärtige Ökofreaks in eingefärbten Karottenhosen und Frauen in langen Leinenkleidern einkauften, sowie hier und da ein Käferchen unbehelligt zwischen den Körnern herumkrabbelte, da taten sich im Mittelfränkischen ein paar Leute aus der Szene zusammen und organisierten eine winzige regionale Biomesse. Sie wurden belächelt. Heute sprießen durchgestylte Bio-Supermärkte wie die Radieschen aus dem Boden und selbst Discounter füllen ihre Regale mit Ökoprodukten. Längst achtet nicht mehr nur die Körnerfraktion auf das Bio-Siegel, sondern vor allem bürgerlich - wohlhabende Verbraucher. Öko ist Zeitgeist geworden und aus der kleinen fränkischen Naturkostmesse wurde die trendige BioFach, die Weltleitmesse für Bioprodukte.
Wenn Bernd Diederichs über die Bio-Fach spricht, lächelt der seit zehn Jahren amtierende Chef der Nürnberg-Messe noch breiter als sonst. Zwar ist die Internationale Spielwarenmesse, die am 01.Februar wieder ihre Pforten öffnet, die größte und bekannteste Nürnberger Messe von Weltrang. Aber sie wird von externen Machern organisiert, genauso wie die großen Verbrauchermessen Consumenta und Freizeit. Die Nürnberg-Messe selbst verfolgt nämlich ein ganz anderes Konzept: Statt auf die übergreifende Branchenschauen konzentriert man sich auf hochspezialisierte und in der Regel, was Aussteller und Besucher angeht, stark international ausgerichtete Fachmessen. Sie lässt man im Idealfall am Standort Nürnberg wachsen und exportiert sie in andere Länder, So organisieren die Franken von ihrer BioFach inzwischen Ableger in den USA, Brasilien, Japan und 2007 erstmals auch in China.
Die Rechnung der Franken scheint aufzugehen. In den vergangenen zehn Jahren hat die Messegesellschaft ihren Umatz auf 125 Millionen Euro verdreifacht. Die Zahl der Fachbesucher ist seit 2004 von 690 000 auf 830 000 gestiegen. Inklusive Gastveranstaltungen wie der Spielwarenmesse kommen jährlich 1,3 Millionen Besucher. Der Umschlagfaktor, ein Gradmesser dafür, wie oft ein Messegelände pro Jahr vollständig vermietet ist, lag in Nürnberg 2006 bei 13, während der deutsche Durchschnitt sich knapp unter 10 bewegt. Das ist umso bemerkenswerter, weil das Messegelände im Stadtteil Langwasser im selben Zeitraum um 50 Prozent auf insgesamt 160 000 Quadratmeter gewachsen ist.
400 Millionen Euro wurden in den zurückliegenden zehn Jahren in Hallen und Infrastrukturtechnik, ein neues repräsentatives Kongresszentrum sowie moderne Verkehrsleit- und Parksysteme investiert. So bedeutend wie jetzt war die Messe als wirtschaftlicher Faktor noch nie. „Die durch uns ausgelösten Sekundäreffekte für die Stadt und die Region summieren sich auf bis zu 800 Millionen Euro pro Jahr, was über 15 000 Vollzeitarbeitsplätzen entspricht.“ , sagt Messechef Diederichs und stützt sich dabei auf entsprechende Untersuchungen.
Laufen Kongress- und Messegeschäft gleichzeitig auf vollen Touren, reichen die Hotelkapazitäten nicht mehr aus. Es bräuchte 1000 zusätzliche Betten, sagt Diederichs. Er hofft, dass ein Investor auf dem letzten freien Zipfel des Geländes noch ein Tagungshotel errichtet, wobei an besagter Stelle der Hotelbau aus städtebaulichen Gründen allerdings verhältnismäßig teuer käme.
Mittlerweile gehört Nürnberg nach eigenen Angaben zu den 15 größten Messeplätzen weltweit. „Wir brauchen uns hinter neugebauten Messegeländen wie München, Leipzig Friedrichshafen oder Stuttgart nicht verstecken“, sagt Diederichs. Vor allem mit den Schwaben liegen die Franken im Clinch. Diederichs Vorwurf: Um das neue und teure Stuttgarter Messegelände gegenüber dem Steuerzahler zu rechtfertigen, versuchten die Verantwortlichen aggressiv und mit Dumpingpreisen Aussteller und Messen anderswo abzuwerben. Auch aus Nürnberg.
Derzeit kämpften beide hart um die Marktführerschaft bei Messen für Kälte-und Klimatechnik. Mit ihrer BioFach sind die Nürnberger bereits unbestrittene Weltmarktführer. Gut möglich, dass diese künftig nicht nur im Ausland, sondern auch im Inland weitere Ableger bekommt. So wird 2007 erstmals eine Fachmesse für Naturkosmetik und Wellness in Nürnberg stattfinden, die „Vivaness“. Die alten Ökofreaks in den Naturkostläden hätten davon nicht zu träumen gewagt.
Quelle: Süddeutsche Zeitung, Dienstag, 23.01.2007, von Uwe Ritzer
Link: nuernbergmesse.de
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